Mittwoch, 12. Januar 2011
Auf etwas längeren Zugfahrten

zog Dr. Grimm gern seine Schuhe aus, da er bevorzugt Turnschuhe trug und zu Schweißfüßen neigte. Er nutzte die Zeit im Zug, um seine Socken ein wenig zu lüften. Nebenher döste er weg, nie für lange. Nach dem Erwachen stellte er mit einem Blick fest, daß seine Sneakers weg waren.

Aha, der Kleine, der schreiend und unter größtmöglichem Getrampel den Waggon heruntergerannt kam.

"Rück die Schuhe raus!"
"Ich hab Ihre Schuhe nich..."

"Hallo? Darf ich fragen, warum Sie mein Kind anfassen und rütteln? Gehts Ihnen noch gut?
Florian, hast du die Schuhe des Herrn hier versteckt?"
"Nein, hab ich niiich…"

"Er lügt."
"Sie können es ja nicht wissen, aber: Mein Kind lügt nicht."

"Nur zurückgebliebene Kinder lügen nicht. Daß er stiehlt, halten Sie aber für möglich?"
"Nein, ich habe ihn nur aus Höflichkeit Ihnen gegenüber gefragt. Und jetzt ist's gut! Lassen Sie ihn in Ruhe, bitte."

"Aber wer soll denn sonst meine Schuhe genommen haben?"

"Was sollte er mit Ihren Schuhen anfangen, sie wären ihm ja viel zu groß."

"So, jetzt sagst du, wo die Schuhe sind, sonst setzt es was."
"Wagen Sie es bloß nicht, meinen Sohn noch einmal anzufassen!"

Grimm wurde es zu bunt. Er kramte sein Handy hervor und rief Carla an.

"Kannst du mich bitte am Bahnhof abholen? Paß auf, geh vorher in ein Schuhgeschäft und kauf mir ein paar Turnschuhe, Größe 45, möglichst billig, mir wurden meine soeben geklaut. Ich bin in Wagen 23, du kannst am Wagenstandsanzeiger genau feststellen, wo ich ausssteige. Ich bin auf Socken unterwegs und hab keine Lust, auf einem kalten Bahnsteig rumzustehn. Ja, nein, ich wollte nicht unterstellen, daß du nicht weißt, was ein Wagenstandsanzeiger ist..."

Quelle: ähnl. Leseprobe 'Einsamkeit und Sex und Mitleid'

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